New Jazz Meeting

Baden-Baden 2001

Brazil Choro: A Dedication to Pixinguinha

Paolo Alfonsi (I), ac-g
Ademir Cândido (BRA/CH), ac-g, cavaquinho
Vincent Courtois (F), cello
Michel Godard (F), tuba, serpent
Nicolas Krassik (F), viol, perc
Gabriele Mirabassi (I), cl, bcl
Wolfgang Puschnig (A), as, fl
 

Freitag, 11. Mai 2001, 20.30 Uhr Tollhaus Karlsruhe

Samstag, 12.Mai 2001, 20.30 Uhr
Historischer Lesesaal der Universitätsbibliothek, Wilhelmstraße 32, Tübingen
 
 

Seit nunmehr fast 34 Jahren - seit 1966 - gibt es das New Jazz Meeting Baden-Baden. Für vier Tage lädt die Jazzredaktion des Südwestrundfunks, internationale Jazzstars in die Kurstadt an der Oos, um miteinander zu spielen, zu improvisieren und neue Kompositionen einzustudieren.
 
 

Jazz -The Brazilian Way: Choro.

Es ist schon merkwürdig - je offener die heutige Musikszene sich entwickelt, um so eifriger wird alles mit Ettiketten bepappt  - aber hier ist es umgekehrt: es gilt eine alte, bislang aus welchen Gründen auch immer unterbewertete Musik wieder bzw. für viele neu zu entdecken: Choro ist die Basis von allem, was in Brasilien musikalisch geschieht.

Die großen  brasilianischen ‘Jazz’-Musiker. die wir hier in Europa - im ‘Osten’ kennen, von Paulo Moura über Baden Powell bis hin zu den Neuerern Hermeto Pascoal und Egberto Gismonti, jeder betont: mein Stil kommt vom Choro! Choro ist eine hauptsächlich instrumentale Spielform, die in Brasilien parallel  zum Jazz entstanden ist, sogar schon eine wenig früher, etwa um 1870, aus klassischen Formen und Tänzen wie Rondo, Mazurka oder Polka.

Die Form des Choro ist im Gegensatz zu den zweiteiligen Formen der Jazzthemen meist dreiteilig. Ein Thema - meist das Hauptethema wird vorgestellt, es folgt ein zweites, das erste wird wiederholt, dann folgt eine drittes Thema und schließlich wird das erste wiederholt: also ABACA.

Es war auch in Brasilien die Begegnung afrikanischer Traditionen der schwarzen Sklaven mit europäischer Musik - aber dort waren es andere afrikanische Rassen, die auf eine eher romanisch betonte europäische Tradition trafen und die, nicht zuletzt durch die beherrschende Rolle, die die Jesuiten lange Zeit in Brasilien spielten, viel strenger auf die Bewahrung europäischer Formen eingeschworen worden waren  als die Schwarzen in Nordamerika. Diese europäischen Formen wurden mit afro-amerikanischen Synkopierungen, melodischen und oft kontrapunktischen Improvisationen angereichert. Ohne Choro ist die gesamte brasilianische Musikentwicklung nicht denkbar:  Choro ist sozusagen der Stammbaum, an dem die zahlreichen Äste mit ihren Früchten wachsen.

Der italienische Klarinettist Gabriele Mirabassi, der im Frühjahr durch seine Tour mit dem Oud-Spieler Rabih Abou-Khalil sich schlagartig einen Namen auch auf der deutschen Szene machte, und einer der Teilnehmer des Baden-Baden New Jazz Meetings 2001 meint: „Ich bin der Meinung, die Musik solch großartiger Komponisten wie Pixinguinha, Ernesto Nazareth, Radames Gnattali u.a. sollte eigentlich viel bekannter sein, wenn man den Begriff  ‘Afroamerikanische Musik’ in seiner vollen Bedeutung erfassen will.  Ist es nicht  verrückt, wir alle kennen Scott Joplin und seinen Ragtime, aber  wir ignorieren Ernesto Nazareth, der in der gleichen Periode und sogar schon etwas früher mit seinen brasilianischen Tangos seinen ‘latin way’, seine südamerikanischen Weg  des ‘Ragtime’ entwickelt hat, so ‘afrikanisch’ in seiner Rhythmik und so ‘europäisch’  in der Form, so  voller Klasse und Eleganz!  Vieles, was über Gershwin gesagt wurde, trifft  auch für Vila-Lobos zu, und genauso verblüffend sind die Parallen zwischen Satchmo und Pixinguinha.

Es berührt mich sehr, daß ich in der letzten Zeit mehr und mehr Leute treffe, die sich  intensiver mit dieser Musik auseinandersetzen. Es hat wohl etwas mit ‘Zeitgeist’ zu tun!“ Der Pianist und Komponist Ernesto Nazareth - er lebte von 1863 -1934 - gilt als einer der Wegbereiter des Choro  und es gibt Stimmen, die sagen, Nazareth sei der eigentliche Schöpfer des Tango, der allerdings in Brasilien sich in eine ganz andere Richtung als in Argentinien entwickelte.
Der Flötist Pixinguinha  (1898-1973) war nicht nur ein Zeitgenosse Louis Armstrongs - er sah ihm auch zum Verwechseln ähnlich. Wie Armstrong den Jazz, so hat Pixinguinha Choro in den Rang einer künstlerischen Ausdrucksform gehoben. Pixinguinha ist in Brasilien eine Art Nationalheld und im Zusammenhang mit den Feiern zum 500-jährigen Bestehen  Brasiliens im Jahre 2000 gab es ungezählte Hommages an Pixinguinha und auch eine Rückbesinnung auf die Bedeutung des Choro.

 Choro ist nicht nur ein parallell zum Jazz entstandenes Musikgenre - mit einem eigenen Wort für das undefinierbare rhythmische Phänomen ‘swing’: ‘balanceado’ - also sozusagen ‘balanzierend’ - es ist auch eine ‘grenzüberschreitende’ Musik. Es ist verblüffend, wie selbstverständlich sich Choro-Kompositionen, insbesonder die von Pixinguinha in jedes Genre einpassen lassen, es gibt - natürlich - Jazz- aber auch Klassik- und Pop-Adaptionen.

Auch der im letzten Jahr verstorbene Gitarrist Baden Powell - der wohl in Deutschland bekannteste brasilianische Musiker hat auf seiner letzten Platte - eine Doppel-CD - eine CD Pixinguinha gewidmet mit ‘Roda de Choro’ - das sind Choro Jam Sessions. BP hatte seine Kindheit im Umfeld der Familie P’s verbracht. Baden erzählt: „Ich war mit dem Sohn P’s befreundet und mein Gitarrenlehrer war ein enger Freund sowohl von meinem Vater wie auch von P.  - mein Stil kommt vom Choro!“ Baden Powell  lernte seine Musik bei den legendären ‘Rio Nights’ den ‘Noites Cariocas’ - so der Titel der ersten CD in dieser Sendung. Auch der 1887 geborene Heitor Vila-Lobos hat - allerdings Jahre vor Baden  - in seiner Jugend an diesen ‘Roda de Choro’ teilgenommen. Man erzählt sich, er sei durch Sprünge aus dem Fenster der gestrengen väterlichen Aufsicht entsprungen, um an diesen nächtlichen Sessions teilzunehmen. Die Choros, die er dann später komponierte, zählen ja zu seinen bekanntesten Werken.
Baden Powell spielte auch mit  bei dem sog. ‘Choro Table’ von Pixinguinha - das war sozusagen ein Härtetest: „Wer da war, hatte mitzuspielen, sofort, ohne Probe und ohne Noten. So war das mit Choro - eine Herausforderung. Das verlangt großes Können. In solcher  Atmosphere bin ich aufgewachsen.“

Unter dem Motto ‘Brazil Choro: A Dedication To Pixinguinha’ werden die 6 Musiker des New Jazz Meetings  europäische, kammermusikalische Versionen des Choro erarbeiten und am 12. Mai in einem Konzert vorstellen.

Ausgewählte Internetseiten für Choro:

http://204.140.220.54/musfeb96.htm
http://www.brazzil.com/musapr00.htm
http://www.brazzil.com/musjul96.htm
http://www.maria-brazil.org/mpb2.htm
http://www.slipcue.com/music/brazil/aa_styles/choro.html
http://www.vivabrazil.com/pixingui.htm
http://www.cbmr.org/idbc_entries/pixinguinha.htm
http://home.t-online.de/home/Yo.Asal/texte/pixing-d.htm    (Pixinguinha-Bio in Deutsch)
 

Biografien


ADEMIR CÂNDIDO (Brasilien/Schweiz) acoustic guitar, cavaquinho

was born in 1956 in Porto Alegre, Rio Grande do Sul, Brasil. He grew up in a musical family, his father playing accordion, his brother saxophone, with the result that he began  to play at an early age on the guitor. He soon began playing professionally at dances and in bars. At the age of 19, at the invitation of other musicians, he moved to Sao Paulo where he met the well known musicians Nene, Hermeto Pascoal, Luizão Maia ond others. They had a very great influence on the developement of his music. In 1980 he travelled to Rio de Janeiro with Leni de Andrade where he also performed with Fafá, Jamelão, Elza Soares, to name only but a few. In 1987 Elza Maria invited him to go on tour  to Europe with her group.
Back in Brasil he recorded his first record with Brasilian musicians. Paulo Moura was invited to perform at the "Uni Festival" in Zürich and at the Montreux Jazz Festival in 1992 and Ademir was asked to play in the group, bringing him to Europe for the second time. Ademir Cândido, guitarist, cavaquinho player, arranger and composer was influenced greatly by Hermeto Pascoal, Wes Montgomery, Waldir Azevedo, Joao Gilberto and Heitor Vila Lobos. The sounds of Jazz Bossa Nova, Samba, Choro and Baião all come through in his music, giving it the many beautiful colours of Brasil.

VINCENT COURTOIS (Frankreich), cello
Born in 1968, Vincent Courtois started studying the violoncello at age 6. After  graduating from École Normale de Musique (Paris) in 1988 (earning a "diplôme  supérieur d'éxécution"), he played with such artists as guitarist Christian Escoudé  and pianist Martial Solal and was a member of the European Jazz Orchestra of Young Talents directed by James Newton. A versatile virtuoso on his instrument, Vincent  feels as much at home in new classical music and experimental jazz as in ethnic and  popular concepts. Among the celebrities he worked with are Juliette Greco, Michel  Petrucciani, Les Rita Mitsouko, and Khaled. Vincent Courtois and his cello – an  instrument rarely heard (and still to be discovered) in jazz contexts – have been a strong force on the European scene all through the nineties. As a sideman, Vincent  has already taken part in more than 30 recordings. Especially fond of adventurous  playing in duo and trio settings, he recently also cooperated with Marc Ducret, Louis Sclavis, Noël Akchoté, Yves Robert, Régis Huby, Dave Douglas, Pierre Favre, Mark Feldman, Gérard Marais, Dominique Pifarely, Steve Swallow, and other wonderful  colleagues. Vincent is a featured player in the current bands of Louis Sclavis and  Rabih Abou-Khalil.
Vincent daringly conquers unknown realms beyond jazz, classical and experimental regions. Here is another upcoming figurehead of that most vital and most interesting  French contemporary crossover scene that produced people like Louis Sclavis,  Renaud Garcia-Fons, Jean-Louis Matinier, Marc Ducret, Dominique Pifarely, Nguyên Lê and others.
1995 - then as a yet unknown musician he participated the first at the Baden-Baden New Jazz Meeting

MICHEL GODARD (Frankreich)  tuba, serpent 
geboren 1960 in Belfort/Frankreich, nach 1988 (auf der 'klassischen' Seite:) Zusammenarbeit mit 'Ensemble Intercontemporain', 'Musique Vivante', L'Orchestre Philharmonique de Radio-France, La Venice Baroque Ensemble, langjähriges Mitglied des 'Arban Chamber Brass', mit diesem Touren um die ganze Welt; (im Jazz:) Mitglied des Orchestre National de Jazz (1989-91) unter Claude Barthélemy, zahllose Projekte mit Michel Portal, Louis Sclavis, Henri Texier, Barry Altschul, langjähriges Mitglied in Rabih Abou-Khalils Gruppen, spielte mit Wolfgang Puschnig, Christof Lauer, Sylvie Clourvoisier, Pierre Favre, Mark Nauseef, Gianluigi Trovesi, Pino Minafra u.v.a.; war an zahlreichen SWR-Produktionen beteiligt, u.a. dem ‘Banda und Jazz’-Projekt auf den Donaueschinger Musiktagen 1996, ‘De Memoires de Tuba’  Donaueschingen 1998  oder ‘Castel del Monte’ 1998.

NICOLAS KRASSIK (Frankreich) violin
Nicolas began studying jazz with Jean Luc Pino after having graduated from a french conservatory in 1990. His experience with Didier Lockwood, Dominique Pifarely and Vincent Courtois enhanced his skills and helped him develop his style. In 1993, his carreer takes off when he plays with swing, bebop and fusion groups like the Onztet of violins created by Didier Lockwood. At that point Nicolas also played and recorded with different string quartets accompanying Michel Petrucciani, Nilda Fernandez, Artango and the Rai-super star Khaled
His desire to broaden his field of work, drove him to explore the combination of Turkish music and jazz with the group ‘Turkish Blend’ created by Vincent Courtois. This, in turn, led  to his encounter with the turkish singer Senem Diyici, with whom he continues to play in various bands.
Simutaneously he became fascinated with accoustic music and latin rythms. He meets the guitar-composer Pierrick Hardy with whom he still plays in two groups; one mainly instrumental, the other with the singer Laura Littardi. He also plays with the harpist Isabelle Olivier and the group ‘Ocean’.
This year, Nicolas began teaching violin in the school created by Didier Lockwood ‘Ecole des musiques Didier Lockwood’ and will perform in duet with Gerard Marais and in trio with Sebastien Texier.

GABRIELE MIRABASSI (Italien) - clarinet
He was born in Perugia, where in 1986 finished his studies at the conservatorio "F. Morlacchi", obtaining the clarinet diploma with honours. For some years he has gone in for the study of the contemporary music performing technics, and in 1986 with other young Perugian musicians, he founded "L'Artisanat furieux Ensemble". He collaborated with "Ensemble dei Quaderni Perugini di Musica Contemporanea" with the Bratislavas Ensemble "Veni"and with the Frankfurt's Ensemble "Musica Negativa", in these occasions, directed by prestigious musicians such as Gunther Schul-ler, John Cage, Jurg Wyttenbach, Siegfried Palm and Reiner Rihn, he took part in several con-temporary music festivals (Zagreb Biennal Festival, Melos - Ethos in Bratislava, Athens Festival, Salle Patino in Geneve, Spazio Musica in Cagliari, etc.).Parallely he carried on his professional activity in jazz music (his first CD at the head of quartet dates back to 1989). Beginning from 1991, when he recorded Coloriage in duet with the accordeonist Richard Galliano, this activity became more and more considerable, until it became virtually the only one. He performeres and records with many of the greatest ltalian and European musicians, taking part in important festivals in ltaly (Umbria Jazz, Pescara Jazz, Vignola, Tivoli, Bergamo Jazz, Clusone, etc. ) and abroad (Knitting Factory - New York, Moers - Germany, Varna - Bulgaria, Fete de I'Humanitè - Paris, Festival di Pechino, Montreal /Canada., Amiens- France, Wiener Konzerthaus).
Winner af the Top Jazz '96 as Best ltalian Jazz Musician

Discography:
As leader
1992 Coloriage (Mirabassi - Galliano) EGEA
1993 Pyromaniax (Focus Pocus) IXTHULUH
1995 Fiabe (Mirabassi - Battaglia) EGEA
1996 Come una volta (Mirabassi, Coscia, Lena, Pietropaol i) EGEA
1997 Duty free (Focus Pocus) EXTRAPLATTE (Preis der Deutsche Schallplattenkritik 1997)
1998 Cambaluc (Mirabassi) EGEA
1999 Velho retrato (Mirabassi - Assad) EGEA
As sideman
1994 L'Avventura (Roberto Gatto) URLO
1996 Un ballo liscio (Riccardo Tesi) Silex
1997 Banda sonora (Battista Lena) Label bleu (Choc du Disque 1998)
1997 Dodici storie (Mario Raja) Splasc(h) Records
1998 Memories of Luis (Gianpaolo Casati) Tring
Classical music
Tra '800 e '900 in ltalia (musiche di Castelnuovo Tedesco, Setaccioli, Martucci) QUADRIVIUM

WOLFGANG PUSCHNIG (Österreich) as, fl, bansuri 
ist aus dem Vienna Art Orchestra hervorgegangen, hat sich einen Namen gemacht durch immer wieder neue, ungewöhnliche und gleichermaßen erfolgreiche Projekte: seit 1987 Zusammenarbeit mit dem koreanischen Percussionsensemble Samul Nori, dem 'Meister der konkreten Posie', Ernst Jandl und afroamerikanischen Rappern oder dem traditionellen österreichischen Blasorchester, den Amstettner Musikanten.

Wolfgang Puschnig was born in 1956 in Klagenfurt, a small city in the south of Austria with a strong musical tradition. He was soloist in the boy's choir, and, at ten, took up the violin, before abandoning the instrument two years later in favour of the flute, which he studied at the local conservatory. In 1971, he formed his first group, playing music that combined Asian and jazz influences, and the first gig came in November that year. He dropped flute to study saxophone at the Vienna conservatory where he graduated in 1980. During these five years he became involved in a range of musical contexts: playing for dance, operetta, circus, and composition for film, stage, etc... At the same time, he became involved in the new Vienna jazz scene, where a landmark event was the creation of the Vienna Art Orchestra in 1978 with Mathias Rüegg. He was also behind a large number of concerts and projects featuring young  musicians in the capital. As from 1980 he played with Hans Koller, and also in the groups "Part of Art" and "Air Mail" as well as with Austrian composers like Otto M. Zykan, Thomas Pernes, and HK Gruber. He also performed as soloist with the Vienna Symphony Orchestra. In 1985, he founded the Pat Brothers and started to work with Carla Bley. As from 1988, he developed his own musical and aesthetic concept with singer Linda Sharrock. He has also appeared in different formations with whom he has toured worldwide.
 

PIXINGUINHA (Alfredo da Rocha Vianna Filho) 
1997 war hundertste Geburtstag eines Musikers, der in Brasilien beinahe die Verehrung eines Heiligen genießt. Der Journalist, Historiker und Kritiker Ary Vasconcelos, der bereits eine Reihe von Büchern über brasilianische Musik veröffentlicht und darüber hinaus Festivals sowie Radio- und Fernsehsendungen mitgestaltet hat, schrieb über ihn: `Wenn du 15 Bände zur Verfügung hast, um über brasilianische Popularmusik zu schreiben, dann sei gewiß, daß das wenig ist. Wenn du aber nur Platz für ein Wort hast, dann ist dennoch nicht alles verloren; schreibe eilends: Pixinguinha.'
     Am 23. April 1897 wurde im Stadtteil Piedade von Rio de Janeiro Alfredo da Rocha Vianna Filho als Sohn des Beamten Alfredo da Rocha Vianna und seiner Frau Raimunda geboren. Die ersten Buchstaben in der Schule interessierten ihn  weniger als die ersten Musikstücke, die er bei den Serenaden hörte, welche sein Vater, ein angesehener Flötist, in seinem Haus mit dem Spitznamen „Pension Vianna" veranstaltete - im Stadtviertel Catumbi, wohin die Familie inzwischen gezogen war. Der alte Vianna liebte es, wenn er das Haus voller Leute hatte, und jeder, der in Choro-Kreisen damals einen Namen hatte, ließ sich mal dort blicken, darunter auch Heitor Villa-Lobos. Einer seiner zahlreichen Brüder (die Eltern hatten insgesamt 14 Kinder), Henrique, drückte Alfredo sein erstes Instrument in die Hand, ein Cavaquinho [=kleine, viersaitige Gitarre], und zeigte ihm „den C-Dur- und den G-Dur-Griff".
   Sein zweiter Lehrer war César Borges Leitão, der wie der Vater Alfredo im Elektizitätswerk der Telefongesellschaft arbeitete. Später erzählte ixinguinha: „Nach kurzer Zeit konnte mein Lehrer Borges mir nichts mehr beibringen, denn alles, was er wußte, hatte er mir bereits gezeigt." Mit elf oder zwölf Jahren schrieb Pixinguinha sein erstes Werk, den Choro „Lata de leite“ (= Milchkanne), inspiriert von der Angewohn-heit der Choro-Musiker, von der von den Milchmännern vor die Häuser gestellten Milch zu trinken, wenn sie mit ihren Instrumenten vom Auftritt nach Hause gingen.
    Was die Herkunft des Spitznamens Pixinguinha betrifft, so existieren mehrere Versionen. Nach Sérgio Cabral nannte die noch in Afrika geborene Großmutter Edwiges ihn Pizinguim (etwa: „kleiner Dummkopf"); eine andere Schreibart lautet Pizindim, was ungefähr „guter Junge" heißen soll. Wieder eine andere Version besagt, daß eine Cousine, Eurídice, ihm den Spitznamen Pizinguim gegeben hat. Später bekam er während einer Epidemie die Pocken (portugiesisch:  bexiga) und von da an nannte man ihn Bexiguinha und später Pexiguinha.
Der größte Wunsch des kleinen Alfredo war es, Es-Klarinette zu lernen, aber da sein Vater nicht sofort eine kaufen konnte, brachte er ihm zunächst einmal die Tonleiter auf der Querflöte bei und kaufte ihm dann ein Instrument. Später hatte der Junge Musikunterricht bei Professor Irineu de Almeida, der Posaune und verschiedene andere Blechblasinstrumente spielte. Dieser war so begeistert von Pixinguinhas Fortschritten auf  der Flöte, daß er den Vierzehnjährigen mitnahm zum Karnevalsverein „Filhas da Jardinheira", wo der Zögling erstmals als Musiker in einer Blaskapelle mitspielen konnte. Im selben Jahr wirkte er zum erstenmal bei Plattenaufnahmen mit, und im Jahr darauf hatte es Pixinguinha bereits zum musikalischen Leiter des Karnevalsvereins „Paladinhos Japoneses" gebracht. Ungefähr um diese Zeit, 1911 oder 1912, wurde Pixinguinha für die Hausband der Kneipe  „La Concha" im Stadtteil Lapa engagiert, wo er von da an sein Geld als Profimusiker verdiente. In den darauffolgenden Jahren festigte sich sein Ruf, so daß er ab 1917 schon seine eigenen Kompositionen auf Platte aufnehmen konnte, darunter auch der bekannte Walzer „Rosa".