New
Jazz Meeting
Baden-Baden 2001
Freitag, 11. Mai 2001, 20.30 Uhr Tollhaus Karlsruhe
Samstag, 12.Mai 2001, 20.30 Uhr
Historischer Lesesaal der Universitätsbibliothek,
Wilhelmstraße 32, Tübingen
Seit nunmehr
fast 34 Jahren - seit 1966 - gibt es das New Jazz Meeting Baden-Baden.
Für vier Tage lädt die Jazzredaktion des Südwestrundfunks,
internationale Jazzstars in die Kurstadt an der Oos, um miteinander zu
spielen, zu improvisieren und neue Kompositionen einzustudieren.
Die großen brasilianischen ‘Jazz’-Musiker. die wir hier in Europa - im ‘Osten’ kennen, von Paulo Moura über Baden Powell bis hin zu den Neuerern Hermeto Pascoal und Egberto Gismonti, jeder betont: mein Stil kommt vom Choro! Choro ist eine hauptsächlich instrumentale Spielform, die in Brasilien parallel zum Jazz entstanden ist, sogar schon eine wenig früher, etwa um 1870, aus klassischen Formen und Tänzen wie Rondo, Mazurka oder Polka.
Die Form des Choro ist im Gegensatz zu den zweiteiligen Formen der Jazzthemen meist dreiteilig. Ein Thema - meist das Hauptethema wird vorgestellt, es folgt ein zweites, das erste wird wiederholt, dann folgt eine drittes Thema und schließlich wird das erste wiederholt: also ABACA.
Es war auch in Brasilien die Begegnung afrikanischer Traditionen der schwarzen Sklaven mit europäischer Musik - aber dort waren es andere afrikanische Rassen, die auf eine eher romanisch betonte europäische Tradition trafen und die, nicht zuletzt durch die beherrschende Rolle, die die Jesuiten lange Zeit in Brasilien spielten, viel strenger auf die Bewahrung europäischer Formen eingeschworen worden waren als die Schwarzen in Nordamerika. Diese europäischen Formen wurden mit afro-amerikanischen Synkopierungen, melodischen und oft kontrapunktischen Improvisationen angereichert. Ohne Choro ist die gesamte brasilianische Musikentwicklung nicht denkbar: Choro ist sozusagen der Stammbaum, an dem die zahlreichen Äste mit ihren Früchten wachsen.
Der italienische Klarinettist Gabriele Mirabassi, der im Frühjahr durch seine Tour mit dem Oud-Spieler Rabih Abou-Khalil sich schlagartig einen Namen auch auf der deutschen Szene machte, und einer der Teilnehmer des Baden-Baden New Jazz Meetings 2001 meint: „Ich bin der Meinung, die Musik solch großartiger Komponisten wie Pixinguinha, Ernesto Nazareth, Radames Gnattali u.a. sollte eigentlich viel bekannter sein, wenn man den Begriff ‘Afroamerikanische Musik’ in seiner vollen Bedeutung erfassen will. Ist es nicht verrückt, wir alle kennen Scott Joplin und seinen Ragtime, aber wir ignorieren Ernesto Nazareth, der in der gleichen Periode und sogar schon etwas früher mit seinen brasilianischen Tangos seinen ‘latin way’, seine südamerikanischen Weg des ‘Ragtime’ entwickelt hat, so ‘afrikanisch’ in seiner Rhythmik und so ‘europäisch’ in der Form, so voller Klasse und Eleganz! Vieles, was über Gershwin gesagt wurde, trifft auch für Vila-Lobos zu, und genauso verblüffend sind die Parallen zwischen Satchmo und Pixinguinha.
Es berührt mich sehr, daß ich in der letzten Zeit mehr und
mehr Leute treffe, die sich intensiver mit dieser Musik auseinandersetzen.
Es hat wohl etwas mit ‘Zeitgeist’ zu tun!“ Der Pianist und Komponist Ernesto
Nazareth - er lebte von 1863 -1934 - gilt als einer der Wegbereiter des
Choro und es gibt Stimmen, die sagen, Nazareth sei der eigentliche
Schöpfer des Tango, der allerdings in Brasilien sich in eine ganz
andere Richtung als in Argentinien entwickelte.
Der Flötist Pixinguinha (1898-1973) war nicht nur ein Zeitgenosse
Louis Armstrongs - er sah ihm auch zum Verwechseln ähnlich. Wie Armstrong
den Jazz, so hat Pixinguinha Choro in den Rang einer künstlerischen
Ausdrucksform gehoben. Pixinguinha ist in Brasilien eine Art Nationalheld
und im Zusammenhang mit den Feiern zum 500-jährigen Bestehen
Brasiliens im Jahre 2000 gab es ungezählte Hommages an Pixinguinha
und auch eine Rückbesinnung auf die Bedeutung des Choro.
Choro ist nicht nur ein parallell zum Jazz entstandenes Musikgenre - mit einem eigenen Wort für das undefinierbare rhythmische Phänomen ‘swing’: ‘balanceado’ - also sozusagen ‘balanzierend’ - es ist auch eine ‘grenzüberschreitende’ Musik. Es ist verblüffend, wie selbstverständlich sich Choro-Kompositionen, insbesonder die von Pixinguinha in jedes Genre einpassen lassen, es gibt - natürlich - Jazz- aber auch Klassik- und Pop-Adaptionen.
Auch der im letzten Jahr verstorbene Gitarrist Baden Powell - der wohl
in Deutschland bekannteste brasilianische Musiker hat auf seiner letzten
Platte - eine Doppel-CD - eine CD Pixinguinha gewidmet mit ‘Roda de Choro’
- das sind Choro Jam Sessions. BP hatte seine Kindheit im Umfeld der Familie
P’s verbracht. Baden erzählt: „Ich war mit dem Sohn P’s befreundet
und mein Gitarrenlehrer war ein enger Freund sowohl von meinem Vater wie
auch von P. - mein Stil kommt vom Choro!“ Baden Powell lernte
seine Musik bei den legendären ‘Rio Nights’ den ‘Noites Cariocas’
- so der Titel der ersten CD in dieser Sendung. Auch der 1887 geborene
Heitor Vila-Lobos hat - allerdings Jahre vor Baden - in seiner Jugend
an diesen ‘Roda de Choro’ teilgenommen. Man erzählt sich, er sei durch
Sprünge aus dem Fenster der gestrengen väterlichen Aufsicht entsprungen,
um an diesen nächtlichen Sessions teilzunehmen. Die Choros, die er
dann später komponierte, zählen ja zu seinen bekanntesten Werken.
Baden Powell spielte auch mit bei dem sog. ‘Choro Table’ von
Pixinguinha - das war sozusagen ein Härtetest: „Wer da war, hatte
mitzuspielen, sofort, ohne Probe und ohne Noten. So war das mit Choro -
eine Herausforderung. Das verlangt großes Können. In solcher
Atmosphere bin ich aufgewachsen.“
Unter dem Motto ‘Brazil Choro: A Dedication To Pixinguinha’ werden die 6 Musiker des New Jazz Meetings europäische, kammermusikalische Versionen des Choro erarbeiten und am 12. Mai in einem Konzert vorstellen.
Ausgewählte Internetseiten für Choro:
http://204.140.220.54/musfeb96.htm
http://www.brazzil.com/musapr00.htm
http://www.brazzil.com/musjul96.htm
http://www.maria-brazil.org/mpb2.htm
http://www.slipcue.com/music/brazil/aa_styles/choro.html
http://www.vivabrazil.com/pixingui.htm
http://www.cbmr.org/idbc_entries/pixinguinha.htm
http://home.t-online.de/home/Yo.Asal/texte/pixing-d.htm
(Pixinguinha-Bio in Deutsch)
ADEMIR CÂNDIDO (Brasilien/Schweiz) acoustic
guitar, cavaquinho
was born in 1956 in Porto Alegre, Rio Grande do Sul, Brasil. He grew
up in a musical family, his father playing accordion, his brother saxophone,
with the result that he began to play at an early age on the guitor.
He soon began playing professionally at dances and in bars. At the age
of 19, at the invitation of other musicians, he moved to Sao Paulo where
he met the well known musicians Nene, Hermeto Pascoal, Luizão Maia
ond others. They had a very great influence on the developement of his
music. In 1980 he travelled to Rio de Janeiro with Leni de Andrade where
he also performed with Fafá, Jamelão, Elza Soares, to name
only but a few. In 1987 Elza Maria invited him to go on tour to Europe
with her group.
Back in Brasil he recorded his first record with Brasilian musicians.
Paulo Moura was invited to perform at the "Uni Festival" in Zürich
and at the Montreux Jazz Festival in 1992 and Ademir was asked to play
in the group, bringing him to Europe for the second time. Ademir Cândido,
guitarist, cavaquinho player, arranger and composer was influenced greatly
by Hermeto Pascoal, Wes Montgomery, Waldir Azevedo, Joao Gilberto and Heitor
Vila Lobos. The sounds of Jazz Bossa Nova, Samba, Choro and Baião
all come through in his music, giving it the many beautiful colours of
Brasil.
VINCENT
COURTOIS (Frankreich), cello
Born in 1968, Vincent Courtois started studying the violoncello at
age 6. After graduating from École Normale de Musique (Paris)
in 1988 (earning a "diplôme supérieur d'éxécution"),
he played with such artists as guitarist Christian Escoudé
and pianist Martial Solal and was a member of the European Jazz Orchestra
of Young Talents directed by James Newton. A versatile virtuoso on his
instrument, Vincent feels as much at home in new classical music
and experimental jazz as in ethnic and popular concepts. Among the
celebrities he worked with are Juliette Greco, Michel Petrucciani,
Les Rita Mitsouko, and Khaled. Vincent Courtois and his cello – an
instrument rarely heard (and still to be discovered) in jazz contexts –
have been a strong force on the European scene all through the nineties.
As a sideman, Vincent has already taken part in more than 30 recordings.
Especially fond of adventurous playing in duo and trio settings,
he recently also cooperated with Marc Ducret, Louis Sclavis, Noël
Akchoté, Yves Robert, Régis Huby, Dave Douglas, Pierre Favre,
Mark Feldman, Gérard Marais, Dominique Pifarely, Steve Swallow,
and other wonderful colleagues. Vincent is a featured player in the
current bands of Louis Sclavis and Rabih Abou-Khalil.
Vincent daringly conquers unknown realms beyond jazz, classical and
experimental regions. Here is another upcoming figurehead of that most
vital and most interesting French contemporary crossover scene that
produced people like Louis Sclavis, Renaud Garcia-Fons, Jean-Louis
Matinier, Marc Ducret, Dominique Pifarely, Nguyên Lê and others.
1995 - then as a yet unknown musician he participated the first at
the Baden-Baden New Jazz Meeting
MICHEL
GODARD (Frankreich) tuba, serpent
geboren 1960 in Belfort/Frankreich, nach 1988 (auf der 'klassischen'
Seite:) Zusammenarbeit mit 'Ensemble Intercontemporain', 'Musique Vivante',
L'Orchestre Philharmonique de Radio-France, La Venice Baroque Ensemble,
langjähriges Mitglied des 'Arban Chamber Brass', mit diesem Touren
um die ganze Welt; (im Jazz:) Mitglied des Orchestre National de Jazz (1989-91)
unter Claude Barthélemy, zahllose Projekte mit Michel Portal, Louis
Sclavis, Henri Texier, Barry Altschul, langjähriges Mitglied in Rabih
Abou-Khalils Gruppen, spielte mit Wolfgang Puschnig, Christof Lauer, Sylvie
Clourvoisier, Pierre Favre, Mark Nauseef, Gianluigi Trovesi, Pino Minafra
u.v.a.; war an zahlreichen SWR-Produktionen beteiligt, u.a. dem ‘Banda
und Jazz’-Projekt auf den Donaueschinger Musiktagen 1996, ‘De Memoires
de Tuba’ Donaueschingen 1998 oder ‘Castel del Monte’ 1998.
NICOLAS KRASSIK (Frankreich) violin
Nicolas began studying jazz with Jean Luc Pino after having graduated
from a french conservatory in 1990. His experience with Didier Lockwood,
Dominique Pifarely and Vincent Courtois enhanced his skills and helped
him develop his style. In 1993, his carreer takes off when he plays with
swing, bebop and fusion groups like the Onztet of violins created by Didier
Lockwood. At that point Nicolas also played and recorded with different
string quartets accompanying Michel Petrucciani, Nilda Fernandez, Artango
and the Rai-super star Khaled
His desire to broaden his field of work, drove him to explore the combination
of Turkish music and jazz with the group ‘Turkish Blend’ created by Vincent
Courtois. This, in turn, led to his encounter with the turkish singer
Senem Diyici, with whom he continues to play in various bands.
Simutaneously he became fascinated with accoustic music and latin rythms.
He meets the guitar-composer Pierrick Hardy with whom he still plays in
two groups; one mainly instrumental, the other with the singer Laura Littardi.
He also plays with the harpist Isabelle Olivier and the group ‘Ocean’.
This year, Nicolas began teaching violin in the school created by Didier
Lockwood ‘Ecole des musiques Didier Lockwood’ and will perform in duet
with Gerard Marais and in trio with Sebastien Texier.
GABRIELE
MIRABASSI (Italien) - clarinet
He was born in Perugia, where in 1986 finished his studies at the conservatorio
"F. Morlacchi", obtaining the clarinet diploma with honours. For some years
he has gone in for the study of the contemporary music performing technics,
and in 1986 with other young Perugian musicians, he founded "L'Artisanat
furieux Ensemble". He collaborated with "Ensemble dei Quaderni Perugini
di Musica Contemporanea" with the Bratislavas Ensemble "Veni"and with the
Frankfurt's Ensemble "Musica Negativa", in these occasions, directed by
prestigious musicians such as Gunther Schul-ler, John Cage, Jurg Wyttenbach,
Siegfried Palm and Reiner Rihn, he took part in several con-temporary music
festivals (Zagreb Biennal Festival, Melos - Ethos in Bratislava, Athens
Festival, Salle Patino in Geneve, Spazio Musica in Cagliari, etc.).Parallely
he carried on his professional activity in jazz music (his first CD at
the head of quartet dates back to 1989). Beginning from 1991, when he recorded
Coloriage in duet with the accordeonist Richard Galliano, this activity
became more and more considerable, until it became virtually the only one.
He performeres and records with many of the greatest ltalian and European
musicians, taking part in important festivals in ltaly (Umbria Jazz, Pescara
Jazz, Vignola, Tivoli, Bergamo Jazz, Clusone, etc. ) and abroad (Knitting
Factory - New York, Moers - Germany, Varna - Bulgaria, Fete de I'Humanitè
- Paris, Festival di Pechino, Montreal /Canada., Amiens- France, Wiener
Konzerthaus).
Winner af the Top Jazz '96 as Best ltalian Jazz Musician
Discography:
As leader
1992 Coloriage (Mirabassi - Galliano) EGEA
1993 Pyromaniax (Focus Pocus) IXTHULUH
1995 Fiabe (Mirabassi - Battaglia) EGEA
1996 Come una volta (Mirabassi, Coscia, Lena, Pietropaol i) EGEA
1997 Duty free (Focus Pocus) EXTRAPLATTE (Preis der Deutsche Schallplattenkritik
1997)
1998 Cambaluc (Mirabassi) EGEA
1999 Velho retrato (Mirabassi - Assad) EGEA
As sideman
1994 L'Avventura (Roberto Gatto) URLO
1996 Un ballo liscio (Riccardo Tesi) Silex
1997 Banda sonora (Battista Lena) Label bleu (Choc du Disque 1998)
1997 Dodici storie (Mario Raja) Splasc(h) Records
1998 Memories of Luis (Gianpaolo Casati) Tring
Classical music
Tra '800 e '900 in ltalia (musiche di Castelnuovo Tedesco, Setaccioli,
Martucci) QUADRIVIUM
WOLFGANG
PUSCHNIG (Österreich) as, fl, bansuri
ist aus dem Vienna Art Orchestra hervorgegangen, hat sich einen Namen
gemacht durch immer wieder neue, ungewöhnliche und gleichermaßen
erfolgreiche Projekte: seit 1987 Zusammenarbeit mit dem koreanischen Percussionsensemble
Samul Nori, dem 'Meister der konkreten Posie', Ernst Jandl und afroamerikanischen
Rappern oder dem traditionellen österreichischen Blasorchester, den
Amstettner Musikanten.
Wolfgang Puschnig was born in 1956 in Klagenfurt, a small city in the
south of Austria with a strong musical tradition. He was soloist in the
boy's choir, and, at ten, took up the violin, before abandoning the instrument
two years later in favour of the flute, which he studied at the local conservatory.
In 1971, he formed his first group, playing music that combined Asian and
jazz influences, and the first gig came in November that year. He dropped
flute to study saxophone at the Vienna conservatory where he graduated
in 1980. During these five years he became involved in a range of musical
contexts: playing for dance, operetta, circus, and composition for film,
stage, etc... At the same time, he became involved in the new Vienna jazz
scene, where a landmark event was the creation of the Vienna Art Orchestra
in 1978 with Mathias Rüegg. He was also behind a large number of concerts
and projects featuring young musicians in the capital. As from 1980
he played with Hans Koller, and also in the groups "Part of Art" and "Air
Mail" as well as with Austrian composers like Otto M. Zykan, Thomas Pernes,
and HK Gruber. He also performed as soloist with the Vienna Symphony Orchestra.
In 1985, he founded the Pat Brothers and started to work with Carla Bley.
As from 1988, he developed his own musical and aesthetic concept with singer
Linda Sharrock. He has also appeared in different formations with whom
he has toured worldwide.
PIXINGUINHA (Alfredo da Rocha Vianna Filho)
1997 war hundertste Geburtstag eines Musikers, der in Brasilien beinahe
die Verehrung eines Heiligen genießt. Der Journalist, Historiker
und Kritiker Ary Vasconcelos, der bereits eine Reihe von Büchern über
brasilianische Musik veröffentlicht und darüber hinaus Festivals
sowie Radio- und Fernsehsendungen mitgestaltet hat, schrieb über ihn:
`Wenn du 15 Bände zur Verfügung hast, um über brasilianische
Popularmusik zu schreiben, dann sei gewiß, daß das wenig ist.
Wenn du aber nur Platz für ein Wort hast, dann ist dennoch nicht alles
verloren; schreibe eilends: Pixinguinha.'
Am 23. April 1897 wurde im Stadtteil Piedade
von Rio de Janeiro Alfredo da Rocha Vianna Filho als Sohn des Beamten Alfredo
da Rocha Vianna und seiner Frau Raimunda geboren. Die ersten Buchstaben
in der Schule interessierten ihn weniger als die ersten Musikstücke,
die er bei den Serenaden hörte, welche sein Vater, ein angesehener
Flötist, in seinem Haus mit dem Spitznamen „Pension Vianna" veranstaltete
- im Stadtviertel Catumbi, wohin die Familie inzwischen gezogen war. Der
alte Vianna liebte es, wenn er das Haus voller Leute hatte, und jeder,
der in Choro-Kreisen damals einen Namen hatte, ließ sich mal dort
blicken, darunter auch Heitor Villa-Lobos. Einer seiner zahlreichen Brüder
(die Eltern hatten insgesamt 14 Kinder), Henrique, drückte Alfredo
sein erstes Instrument in die Hand, ein Cavaquinho [=kleine, viersaitige
Gitarre], und zeigte ihm „den C-Dur- und den G-Dur-Griff".
Sein zweiter Lehrer war César Borges Leitão,
der wie der Vater Alfredo im Elektizitätswerk der Telefongesellschaft
arbeitete. Später erzählte ixinguinha: „Nach kurzer Zeit konnte
mein Lehrer Borges mir nichts mehr beibringen, denn alles, was er wußte,
hatte er mir bereits gezeigt." Mit elf oder zwölf Jahren schrieb Pixinguinha
sein erstes Werk, den Choro „Lata de leite“ (= Milchkanne), inspiriert
von der Angewohn-heit der Choro-Musiker, von der von den Milchmännern
vor die Häuser gestellten Milch zu trinken, wenn sie mit ihren Instrumenten
vom Auftritt nach Hause gingen.
Was die Herkunft des Spitznamens Pixinguinha betrifft,
so existieren mehrere Versionen. Nach Sérgio Cabral nannte die noch
in Afrika geborene Großmutter Edwiges ihn Pizinguim (etwa: „kleiner
Dummkopf"); eine andere Schreibart lautet Pizindim, was ungefähr „guter
Junge" heißen soll. Wieder eine andere Version besagt, daß
eine Cousine, Eurídice, ihm den Spitznamen Pizinguim gegeben hat.
Später bekam er während einer Epidemie die Pocken (portugiesisch:
bexiga) und von da an nannte man ihn Bexiguinha und später Pexiguinha.
Der größte Wunsch des kleinen Alfredo war es, Es-Klarinette
zu lernen, aber da sein Vater nicht sofort eine kaufen konnte, brachte
er ihm zunächst einmal die Tonleiter auf der Querflöte bei und
kaufte ihm dann ein Instrument. Später hatte der Junge Musikunterricht
bei Professor Irineu de Almeida, der Posaune und verschiedene andere Blechblasinstrumente
spielte. Dieser war so begeistert von Pixinguinhas Fortschritten auf
der Flöte, daß er den Vierzehnjährigen mitnahm zum Karnevalsverein
„Filhas da Jardinheira", wo der Zögling erstmals als Musiker in einer
Blaskapelle mitspielen konnte. Im selben Jahr wirkte er zum erstenmal bei
Plattenaufnahmen mit, und im Jahr darauf hatte es Pixinguinha bereits zum
musikalischen Leiter des Karnevalsvereins „Paladinhos Japoneses" gebracht.
Ungefähr um diese Zeit, 1911 oder 1912, wurde Pixinguinha für
die Hausband der Kneipe „La Concha" im Stadtteil Lapa engagiert,
wo er von da an sein Geld als Profimusiker verdiente. In den darauffolgenden
Jahren festigte sich sein Ruf, so daß er ab 1917 schon seine eigenen
Kompositionen auf Platte aufnehmen konnte, darunter auch der bekannte Walzer
„Rosa".